Was ist ein trockenes Auge (Keratokonjunktivitis sicca)?

In Deutschland leiden rund neun Millionen Menschen unter geröteten, brennenden Augen, die ihre Lebensqualität stark einschränken. Dahinter steckt eine Erkrankung der Augenoberfläche, auch ‚trockenes Auge' oder Keratoconjunctivitis sicca (KCS) genannt. Neueste Forschungen belegen, dass es vielfältige Ursachen für die Entstehung des trockenen Auges gibt. Im Rahmen unserer Spezialsprechstunde untersuchen und behandeln wir Sie individuell nach aktuellen Erkenntnissen.

Wie macht sich ein trockenes Auge bemerkbar?

Trockenes Auge

Viele Symptome können auf ein trockenes Auge hinweisen: ein Fremdkörpergefühl, Augenrötung, Kratzen, Brennen, Lichtempfindlichkeit, Druckgefühl, geschwollene Augenlider, müde Augen, Schleimabsonderung, die Unverträglichkeit von Kontaktlinsen und/oder Kosmetika, Probleme bei der Bildschirmarbeit, ein unangenehmes Gefühl bei Luftzug, rauchiger Luft oder klimatisierten Räumen und im Flugzeug. Sollten Sie diese Symptome bei sich bemerken, so sollten Sie unbedingt zur Untersuchung zu uns kommen, um die Ursachen abklären zu lassen.

Warum muss ein trockenes Auge behandelt werden?

Ein intakter Tränenfilm schützt und ernährt die Hornhaut. Verschiedenste Auslöser können das Gleichgewicht des Tränenfilms (Homöostase) stören und zu einem trockenen Auge mit den genannten Symptomen und Sehproblemen führen. Ein gestörter Tränenfilm reißt schneller auf und bedeckt nicht mehr die gesamte Augenoberfläche. Das beeinträchtigt nicht nur die Sehqualität, sondern führt auch zu einer Entzündung der Augenoberfläche, weil der Tränenfilm unter anderem antibakteriell wirkt. Dadurch wird das Auge unempfindlicher gegenüber Berührungen und produziert weniger Tränendrüsensekret – ein Teufelskreis.

Von der 'Störung' des Tränenfilms zur 'Erkrankung' der Augenoberfläche

Ende der 90er Jahre wurde der Begriff des trockenen Auges geprägt und als eine 'Störung' des Tränenfilms und der Augenoberfläche definiert. Seither wurde er mehrfach überarbeitet:

  • 2007 wurde es in einem Workshop der Gesellschaft für Tränenfilm und Augenoberfläche (Tear Film & Ocular Surface Society, (TFOS) erstmals als eine multifaktorielle 'Erkrankung' des Tränenfilms und der Augenoberfläche beschrieben, die die Stabilität des Tränenfilms beeinträchtigt und mit einer Entzündung und Schädigung der Augenoberfläche einhergeht.

  • 2016 überarbeitete die TFOS diese Definition angesichts einer Vielzahl neuer Studien. Im Rahmen ihres Workshops, an dem sich über 150 Wissenschaftler aus 23 Ländern beteiligten, erarbeiteten sie eine neue Definition, in der die schnellere Verflüchtigung des Tränenfilms und die Entzündung der Augenoberfläche nicht mehr als Ursachen, sondern als Folgen der Erkrankung betrachtet wurden:

„Das trockene Auge ist eine multifaktorielle Erkrankung der Augenoberfläche, die charakterisiert ist durch ein gestörtes Gleichgewicht des Tränenfilms. Es ist begleitet von Augensymptomen, bei denen die Instabilität und Hyperosmolarität des Tränenfilms, eine Entzündung und Schädigung der Augenoberfläche sowie neurosensorische Besonderheiten eine ätiologische Rolle spielen, d.h. an der Entstehung beteiligt sind (Anm. der Red.).”

Neben dieser neuen Definition wurden aktuelle Erkenntnisse über die verschiedenen Ausprägungen des trockenen Auges diskutiert und veröffentlicht. Dadurch ist es uns heute möglich, Sie noch individueller behandeln zu können.

Aufbau und Funktion des Tränenfilms

Grafische Darstellung des Auges mit einer vergrößerten Darstellung des Tränenfilms im Querschnitt.

Rechts neben der grafischen Darstellung des Auges sehen Sie einen vergrößerten Querschnitt des Tränenfilms mit seinen drei Schichten – von außen nach innen: [1] Lipidschicht, [2] wässrige Schicht, [3] Muzinschicht oder Schleimschicht, links davon ist die Hornhaut des Auges (grau).

Der Tränenfilm liegt über der obersten Hornhautschicht. Obwohl er nur 4 μm dünn ist, besteht er aus drei Schichten:

  • Die äußere Schicht ist fetthaltig und wird daher Lipidschicht (1) genannt. Sie misst 65 nm, hält aber den Tränenfilm stabil und verhindert ein zu rasches Verdunsten.
  • Die mittlere, wässrige Schicht (2) ist mit 3 μm die stärkste Schicht. Sie enthält außer Wasser auch Nährstoffe, Sauerstoff und keimtötende Substanzen, die das Auge vor Infektionen schützen.
  • Mittels der inneren Muzinschicht (3) haftet der Tränenfilm an der Hornhaut. Sie ist 1 μm stark.

Ein intakter Tränenfilm entsteht durch das perfekte Zusammenwirken von Tränendrüsen, der Augenoberfläche, der Lider und der ableitenden Tränenwege. Durch jeden Lidschlag verteilt sich eine hauchdünne Schicht auf der Augenoberfläche, glättet sie und fungiert als eine Art Linse, die die Sehfunktion verbessert. Der Tränenfilm hält außerdem die Oberflächen des Auges glatt und geschmeidig, indem er die Lidinnenseiten, Bindehaut und Hornhaut benetzt.

Wussten Sie übrigens, dass sich der Tränenfilm durch die Einwirkung der Scherkräfte des Lidschlages verflüssigt und anschließend wieder eine festere Konsistenz annimmt? Dieser Konsistenzwechsel wird als Thixotropie bezeichnet. Ein sehr bekanntes Beispiel dafür ist Ketchup.

Wodurch entsteht ein trockenes Auge?

Ursachen Trockenes Auge

Die Tränenproduktion wird neurovegetativ, also vom unwillkürlichen Nervensystem, gesteuert. Sie unterliegt im Laufe eines Tages Schwankungen und nimmt mit zunehmendem Alter mehr und mehr ab, was Frauen stärker betrifft als Männer. Raucher leiden ebenfalls häufiger unter einem trockenen Auge. Zahlreiche Allgemeinerkrankungen wie Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen, chronischer Rheumatismus oder entzündliche Gefäßerkrankungen sowie Erkrankungen des Immunsystems und der Haut wirken sich auf die Benetzung des Auges aus. Eine weitere Ursache können Verletzungen der Augenlider sein. Daneben können Medikamente, die längere Zeit eingenommen werden, die Produktion des Tränenfilms ebenso beeinflussen wie äußere Faktoren, z.B. Verschmutzung oder Ozonbelastung der Luft oder klimatisierte Räume. Liegt bereits eine Störung vor, kann diese zum Beispiel durch Bildschirmarbeit zusätzlich verstärkt werden, da diese häufig mit einer niedrigeren Lidschlagfrequenz einhergeht.

Es gibt darüber hinaus eine Reihe von Erkrankungen, die ähnliche Symptome zeigen wie ein trockenes Auge. Eine Abgrenzung ist notwendig, um richtig behandeln zu können.

Trockenes Auge Risiken

Formen des trockenen Auges

In der Vergangenheit wurde der Unterscheidung der verschiedenen Formen des trockenen Auges große Bedeutung beigemessen: die hypovoläme Form, bei der ein sekretorischer Tränenmangel vorliegt – also zu wenig Tränenfilm produziert wird – und eine evaporative Form, bei der der Tränenfilm zu stark verdunstet aufgrund einer mangelhaften Fettkomponente. Hypovoläm beschreibt Erkrankungen, die die Tränendrüse betreffen, während man annimmt, dass das evaporative trockene Auge mit Erkrankungen auftritt, die die Augenlider (z. B. ungewöhnliches Blinzeln) oder die Augenoberfläche (z. B. bei häufigem Tragen von Kontaktlinsen oder Muzinmangel) betreffen.

Heute weiß man, dass beide Formen sich auch überschneiden oder nacheinander auftreten können und eine klare Trennung oft nicht möglich ist, weil Symptome beider Formen vorkommen können. Rund 90 Prozent der betroffenen Menschen leiden unter einer Mischform, bei der zu wenig Tränenflüssigkeit produziert wird und ein instabiler Tränenfilm vorliegt. Behandelt wird jeweils die Form, deren Symptome überwiegen.

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Meibomdrüsen-Dysfunktion als Ursache

„Hinter einem trockenen Auge verbirgt sich oft eine Dysfunktion der Meibomdrüsen.“

Die Lipide, also Fettkomponenten des Tränenfilms, werden hauptsächlich von den hinteren Lidranddrüsen abgesondert. Diese Drüsen wurden im 17. Jahrhundert von Heinrich Meibom erstmals beschriebenen und nach ihm benannt. Das kerzenwachsartige Sekret (Talg) der Meibomdrüsen verflüssigt sich, sobald es mit dem wässrigen Anteil des Tränenfilm zusammenkommt. Neueren Studien zufolge legt es sich aber nicht wie eine Schicht darüber, sondern interagiert (wirkt zusammen) mit einzelnen Komponenten des wässrigen Teils. So verhindert die Lipidkomponente übermäßige Verdunstung und macht den Tränenfilm stabil.

Funktionieren die Meibomdrüsen nicht optimal, zum Beispiel durch eine Verstopfung der Drüsenausführungsgänge, so kann sich daraus eine Meibomdrüsen-Dysfunktion entwickeln, eine chronische Veränderung der Meibomdrüsen, die mit einer dauerhaften Verstopfung der Drüsen einhergeht oder mit qualitativen und/oder quantitativen Veränderungen des Sekrets. Welche Faktoren die Produktion des Meibomdrüsensekrets im Einzelnen steuern, wird zurzeit noch diskutiert. Bei diesem Krankheitsbild, das inzwischen als eine wesentliche Ursache für ein trockenes Auge angesehen wird, gibt es zwei Hauptgruppen: eine Gruppe, bei der eine hohe Sekretmenge ausgeschüttet wird, und eine mit geringer Ausschüttung. Im Gegensatz zur Blepharitis (Lidrandentzündung) ist die Meibomdrüsen-Dysfunktion eine nicht-entzündliche Erkrankung. Es handelt sich vielmehr um eine Veränderung der Meibomdrüsen, die zu einem trockenen Auge (hyperevaporativen Keratoconjunctivitis sicca) führt, verursacht durch übermäßige Verdunstung des Tränenfilms.

Moderne Diagnostik des trockenen Auges

Wenn Sie Symptome eines trockenen Auges bei sich bemerken, sollten Sie sofort einen Augenarzt aufsuchen. Unsere Fachärzte für Augenheilkunde werden mittels moderner Diagnostik zu klären versuchen, ob tatsächlich eine Benetzungsstörung vorliegt und Sie bitten, einen Fragebogen zu Ihren Symptomen auszufüllen.

Spaltlampendiagnostik

Um festzustellen, um welche Form der Benetzungsstörung es sich handelt wird unser Augenarzt verschiedene Untersuchungen mit der Spaltlampe durchführen:

  • Fluoreszein-Tränenfilm-Aufrisszeit (TBUT)
  • Hornhautfärbung mit Fluoreszein
  • Vitalfärbung mit Lissamgrün
  • Untersuchung der Ausdrückbarkeit der Meibomdrüsen
  • Diagnostik der Lidkante

Untersuchungen des Tränenfilms

Die Zusammensetzung des Tränenfilms untersuchen wir zunächst mit wenig-invasiven Verfahren. Stellen wir dabei eine hyperevaporative Form fest, so kann eine Meibomdrüsen-Dysfunktion die Ursache sein. In dem Fall kann durch den sogenannten Schirmer-I-Test der Schweregrad ermittelt werden. Weitere Untersuchungen sind:

  • Kontaktlose Tränenfilm-Aufrisszeit (Oculus Keratograph)
  • Meibographie (Oculus Keratograph)
  • OSDI und SPEED-Fragebögen

Weitere Verfahren

Daneben bieten wir Ihnen weitere Untersuchungen an, mit denen wir die Qualität des Tränenfilms und mögliche Ursachen der Erkrankung feststellen können, darunter zum Beispiel:

  • Demodex-Diagnostik
    Hinter einem trockenen Auge kann auch eine Infektion mit Demodex-Milben stecken. Um das festzustellen, bieten wir ein spezielles Verfahren an, das die Milben unter dem Mikroskop sichtbar macht.
  • TearView
    Ein modernes Verfahren, das die Verteilung der Lipidschicht auf dem Auge visualisiert und Auskunft über die Integrität des Tränenfilms gibt.

Individuelle Therapien des trockenen Auges

Die Therapie des trockenen Auges hängt – wie oben ausführlich beschrieben – von der Ursache und dem Schweregrad ab. Wichtig dabei ist, dass die Therapie individuell auf Sie zugeschnitten ist. Neben den Standardmaßnahmen, wie z.B. der Liderwärmung und -reinigung, Antibiotika, entzündungshemmenden Medikamenten und Tränenersatzmitteln, bieten wir Ihnen Behandlungen an, die zum Beispiel die Tränenproduktion anregen. Wir informieren Sie gerne.

LipiFlow® öffnet die Meibom-Drüsen – für eine gesunde Tränenflüssigkeit

Das LipiFlow®-Thermopulsiersystem zur Behandlung der hyperevaporativen Form des trockenen Auges.

LipiFlow® ist eine Behandlung der hyperevaporativen Form des trockenen Auges mit dem Ziel, die Verstopfung der Meibom-Drüsen zu beheben. Durch die Therapie werden die verstopften Drüsen wieder frei und können ihre natürliche Produktion von Lipiden (Ölen) fortsetzen, die für eine gesunde Tränenflüssigkeit notwendig sind. Eine Linderung der Symptome des trockenen Auges wird in der Regel nach vier Wochen erzielt.

Der Augenaufsatz (Aktivator) des LipiFlow®-Thermopulsiersystems wärmt die Innenseite des Augenlids im Bereich der Meibomdrüsen etwas an, um die Verstopfungen zu verflüssigen. Gleichzeitig massiert sie das Augenlid sanft an der Außenseite, um das Sekret abzutransportieren. Dadurch werden die Verstopfungen in den Drüsen gelöst und der natürliche Fluss der Lipide wiederhergestellt. Die eingebauten Sensoren und einmal verwendbaren Teile machen die Behandlung für Sie sicher und steril.

Weiterführende Fachliteratur

Tear film mucins: front line defenders of the ocular surface; comparison with airway and gastrointestinal tract mucins.

Hodges RR, Dartt DA. Exp Eye Res. 2013 Dec;117:62-78. Epub 2013 Aug 14. PMID: 23954166 DOI:10.1016/j.exer.2013.07.027

Die Bedeutung der Meibomdrüsen-Dysfunktion für die Entstehung des Trockenen Auges

Brewitt H, (Hannover), Vortrag anlässlich des AAD-Kongresses am 26.3.2011

Die Anatomie und Pysiologie der Lidkante unter besonderer Berücksichtigung der Meibomdrüsen

Bräuer L (Halle-Wittenberg), Vortrag anlässlich des AAD-Kongresses am 26.3.2011

Die Meibomdrüsen-Dysfunktion – ein neues Krankheitsbild?

Kaercher T, (Heidelberg), Vortrag anlässlich des AAD-Kongresses am 26.3.2011

Management und Therapie der Meibomdrüsen-Dysfunktion

Geerling G, (Würzburg), Vortrag anlässlich des AAD-Kongresses am 26.3.2011

Physiologie des Tränenfilms

Brewitt H,Zierhut M, Paulsen F; Z. prakt. Augenheilkd. 2008; 29: 31-40

Surgery for the Dry-Eye-Scientific Evidence and Guidelines for the Clinical Management of Dry Eye Associated Ocular Surface Disease

Geerling G, Brewitt H (Eds):Dev. Ophthalmol. Vol.41, Karger-Verlag, Basel 2008